Besteigung des Ben Nevis

Ein Glück, das man zum Schreiben nur die Hände und Finger braucht. Der Rest von mir ist nämlich zu nichts zu gebrauchen. Heute wurde das Vorhaben, welches im Frühjahr des vergangenen Jahres beschlossen wurde, durchgeführt: "Die Ersteigung des Ben Nevis". Ich bitte darum mich nächstes Mal von solchen Ideen abzubringen. Jetzt tun mir nur die Füsse weh und ein wenig Knie und Rücken, aber was kommt morgen?

Die Wettervorhersage für heute sah ganz nett aus, also nicht schlimm und besser als für die nächsten Tage und die Wahrscheinlichkeit lag bei 70% die Munros (Berge über 3000ft -> 1000m) zu sehen .

Wecker auf halb 7 gestellt, um 7 festgestellt, das die Küche noch leer war und es somit Verzögerungen beim Frühstück gibt. Dann also erst den Rucksack gepackt, damit es gleich nach dem Frühstück los geht. Nach einem schottischen Frühstück (besser wäre es als englisches zu bezeichnen, es gab "nur" Toast, Eier, Speck, Bohnen in Tomatensauce. Auf Tomate und Champignons verzichtete ich, als Vorspeise Müsli). Nach dem Frühstück, die Wanderschuhe angezogen, Zucker geliehen für den Tee, Rucksack ins Auto und ab zum Visitor Center. Für einen ganzen Tag parken 2£ löhnen und losgestiefelt. Das ich vergessen hatte die Müsliriegel einzupacken fiel mir erst sehr viel später ein, dafür kamen Schoko-Toffees in die Tasche. Auch das die eine volle Flasche im Zimmer auf den Tisch stand und dafür eine leere im Rucksack sollte erst aufallen, als ich sie brauchte.

Erst ging es durch eine grössere Pfütze (Start: 8:45) und dann über eine Hängebrücke. Kurz am Bach lang und dann den ersten Hügel hoch. Das man dabei auch noch eine Schafstreppe erklimmen musste war schon nicht nett. Denn auf dem Rückweg musste man diese Stufen auch übersteigen. Der "Hügel" der sich vor einem auftat war nicht von schlechten Eltern und es war noch nicht der Ben Nevis. Vor mir gingen schon die ersten anderen Wanderer den Weg hinauf.

Die ersten Meilen gings stetig bergauf. Der Weg relativ schmal und gepflastert mit grossen Steinen und es hiess den einen oder andern Bachlauf zu übergehen. An der Kreuzung zur Jugendherberge kamen mir erste Zweifel auf. Ich war da schon ein wenig fertig und dann fing es auch noch an zu nieseln. An der ersten Kehre wurde ein kleiner Striptease hingelegt. Der Pullover war eindeutig zu warm, das lange Funktionsunterwäschehemd unter der Windjacke musste reichen. Und weiter gings den Hügel hoch, immer über Stock und Stein und kleine Bäche. Wohl wissend das es auch der Rückweg ist. Es rächte sich auch das umfangreiche Frühstück, mir wurde zwar nicht schlecht, aber der Magen war trotzdem voll. Die ersten Wanderer verlor ich aus dem Blickfeld. Mir schien es ging ewig nur diese "Stufen" hoch. Und das ein oder andere Mal dachte ich daran umzukehren. Die Landschaft war ja wunderschön, aber in den Oberschenkel zog es und das Herz pochte wild.

Es gab von Gruppen und Paaren, die mich überholten auch schon die ersten Aufmunterungsrufe. Ich muss wirklich fertig ausgesehen haben. Kurz bevor das Elend der Stufen enden sollte, wurde die dünne Regenjacke gegen den Parka getauscht und auch die Mütze aufgesetzt. Es blies mittlerweile so richtig kalt, auch wenn so einige Zeitgenossen mit blickfreien Waden daherkamen und kurzärmlig sowieso. Ein vorletztes Mal war ich kurz vom Umdrehen. Mittlerweile war ich weit über eine Stunde unterwegs und der Berg auf der anderen Seite der Schlucht, war der Ben Nevis, welcher in Nebel und Wolken verschwand.

Doch jetzt begann das nächste Teilstück, ein fast ebener Weg ohne Steine. Erholung pur.

Doch dieses Stück währte nur kurz. Ab der Kurve wo es dann an die eigentliche Ersteigung ging, wurde der Weg wieder beschwerlicher. Wieder ging es über Stock und Stein und der Weg wurde zum Bachlauf, aber es gab keine echten Stufen mehr. Doch alsbald tat sich das nächste Hindernis auf. Der Weg führte durch das Bett eines Wasserfalls. Welcher Weg?

Man musste selber zusehen, wie man ohne in die Schlucht zu stürzen, das Hindernis überwand. Kurz danach bekam ich Gesellschaft von einer Belgierin. Kurze Hose und das rechte Knie wurde von einer Schiene geschützt. Zuviel zum Thema "Knie schonen hat der Arzt gesagt". Da kam die Sonne hervor und man konnte weit ins Land schauen. Unten im Tal (Wahnsinn wie hoch es jetzt schon war) glitzerte der Loch Linnhe und kleine Seen, während das Grün der Hänge in unterschiedlichsten Grüntönen erstrahlte. Auf der einen Seite zogen Regenwolken dahin, vor einem schien die Sonne und auf der anderen Seite erstrahlte ein Regenbogen.

Das entschädigte die Strapazen des Weges. Wegen der Fotostopps zog die Belgierin bald davon und ich stiefelte alleine weiter. So langsam machte dann leider die Lunge schlappt und immer öfter musste ich innehalten, um den Puls runterzubringen, nach Luft zu schnappen und die Beine auszuruhen. Der Wind hatte stark zugenommen und der leichte Regen war gefroren. Zu kalte Luft für meine Bronchien. Der Weg war auch nicht mehr von rötlichen Steinen und Erde geprägt, sondern mittlerweile war beides in diversen Grautönen anzutreffen. Ich schleppte mich von einer Kurve zur nächsten. An jeder wurde eine kurze Pause gemacht. Zum fotografieren oder einfach nur um sich in die Stöcke zu lehnen und durchzuschnaufen. Der Blick den Berg hinauf verhiess nur Nebel und kaltes Wetter, während man ab und an noch ins Tal schauen konnte und den Sonnenschein sah.

Der Regen ging in starken Graupel über und die Kapuze wurde über die Mütze gezogen und die Hände mit Wollhandschuhen ohne Fingerkuppen geschützt. Bei einer Rast, während sich mit heissen Tee gewärmt wurde, gab man mir den "guten" Rat wieder umzukehren, der Ben Nevis würde noch mein ganzes Leben dastehen und ich solle es an einem anderen Tag versuchen. Fast war ich versucht, den Rat zu befolgen, dann hiess es aber "Jetzt erst Recht". Immer weiter ging es über das Geröll, ein Schritt nach dem andern, die Kamera sicher in der Jacke verstaut, man sah ja eh nichts bei dem Wetter. Ausserdem hatte ich einen Antrieb. Zwei Männer, welche kurz vor mir aufgebrochen waren, hatte ich mittlerweile überholt und sie waren nicht mehr zu sehen. Hatten sie aufgegeben? Ich aber wollte es schaffen.

Als Gipfelrückkehrer verlauten liessen, einige hatten mich auf dem Hinweg überholt, das es nur noch 20 - 30min dauern würde, gab mir das noch einen weiteren Kick. Ich suchte mir Gesellschaft von zwei Männern, welche sich, genauso wie ich, den Berg hochkämpften und alle paar Meter innehalten musste. Da die Sicht immer schlechter wurde, war ich froh über die Gesellschaft. Die Männer waren noch mehr am Ende ihrer Kräfte als ich, bald schritt ich voran und konnte öfters mal beim Warten, neue Kraft schöpfen. Die Sichtweite war jetzt unter 10m. Man sah kaum die Steinhügel, welche den Weg markierten und die entgegenkommenden Wanderer, waren nur zu erkennen, wenn sie rote, orangene oder gelbe Jacken trugen. Ausser dem Nebel (oder waren es Wolken?) behinderte zunehmend Schneefall die Sicht. Und durch die Brille konnte ich weniger erkennen, als wenn ich drüber hinwegschielte.

Als es hiess "noch 10min zum Gipfel", der Weg war mittlerweile richtig steil, liess ich die Beiden hinter mir. Sie pausierten immer öfters und mir wurde kalt trotz der Anstrengung. Kurz vorm Ziel war der Weg dann nur noch flach, aber reiner Schotter und zweimal ging es sehr nah an einem Abhang vorbei. Dann erreichte ich den Gipfel, zumindest sagte man mir er sei es. Es war sehr trostlos. Im schlechten Wetter konnte man einen kleinen Steinturm erkennen und die Überreste einer alten Hütte. Ich war wirklich am Ziel.

Oben auf dem Steinturm stand noch ein kurzer Obelisk. Dieser wurde von mir kurzerhand zum Tisch umfunktioniert und ich genoss eine Tasse heissen Tee. Und dann tauchten doch noch meine beiden Wanderer auf, von denen ich dachte sie hätten aufgegeben. Ich hatte genug gerastet, nun ging es wieder den Berg runter. Schon idiotisch, da quält man sich den Berg hoch, um im Nebel und Schnee zu stehen und geht dann wieder runter. Aber ich war zumindest nicht der einzige Verrückte an diesem Tag. Es war 14Uhr und 15min als ich den Rückweg antrat. Ich war 5,5 Stunden unterwegs. Ziemlich langsam, aber ich war am Ziel angekommen.

Runter zu geht's hoffentlich schneller, allerdings wenn man die Beschaffenheit des Weges kannte, kamen einem da doch Zweifel und alsbald schlitterte ich auch die eine oder andere Steigung herunter, weil der Schotter nachgab. Aufwärts ist es anstrengend und abwärts gefährlich. Das war wirklich idiotisch. Stetigen, aber vorsichtigen Schrittes ging es bergab. Die Fussspitzen taten weh, es zog im Rücken und die Beine zitterten leicht. Die "besten" Vorraussetzungen also. Das Luftholen fiel aber leichter und ich konnte wirklich ohne Pause den Berg runter. Als die Wolken aufbrauchen und man wieder ins Tal sehen konnte, wurde der ein oder andere Fotostop eingelegt, aber es gab keine extra Pause mehr.

Ich wollte nur noch runter. Ausserdem drückte so langsam die Blase, die wahrscheinlichen am Fuss auch. Bald hatte ich den Teil mit dem grauen Schotter hinter mir gelassen, der Schnee hatte aufgehört und der Wind bliess nur noch schwach. Dafür wurden jetzt die Stufen immer schwerer und das eine oder andere mal litt der Knöchel, weil man umknickte. Durch den Regen war der Weg noch mehr zum Bach geworden, aber die Füsse blieben dank guter Schuhe trocken. Auch der Wasserfall wurde gemeistert und immer mehr näherte man sich dem Teilstück, welches eben dahinführte. Was für eine Erholung war das. Die Wanderstöcke wurden geschultert und man lief locker dahin. Doch bald war vorbei mit lustig. Mittlerweile seit 8 Stunden auf dem Beinen, nahte das schlimmste und letzte Teilstück. Die Stufen begannen und somit die Herausforderung für die Knie. Doch Innehalten war nicht. Erstens waren die Akkus der Kamera leer, diese wurde im Rucksack verstaut, so gabs keinen Grund mehr anzuhalten. Und zweitens nahm das Zittern in den Beinen enorm zu, wenn ich nur ein wenig ausruhen wollte. Dieses letzte Stück zog sich ewig dahin. Mal waren die Stufen sehr flach, dann fast einen halben Meter hoch. Man suchte sich immer den Weg mit den niedrigsten Stufen, suchte Halt mit den Stöcken um nicht doch noch auf den letzten Metern zu stürzen. Und immer noch war das Tal tief unten, aber man konnte schon die Jugendherberge sehen. Bei diesem Abzweig überholte mich ein Ehepaar, welches wie ich zum Visitor Centre zurückwollte. Ich liess sie vorbei, nahm dann aber deren Tempo auf. Ich wollte einfach nur noch zurück zum Auto, das verlieh Flügel. Immer öfters bekam ich das Gefühl, mir richtig fette Blasen gelaufen zu haben und ich musste alle Konzentration aufwenden um keinen Fehltritt zu tun, denn abseits des Weges ging es immer noch steil runter. Und dann kam auch schon der erste Teil der letzten Tortur. Eine Schafstreppe. Jetzt noch mal Treppen steigen, auch wenn es nur zwei Stufen hoch und 4 Stufen runter ging. Es war hart. Und immer noch war das Ziel nicht in sich. Kein Wunder wieso ich schon am Ende des Stufenweges aufgeben wollte, ich wusste wie hart der Rückweg wird. Es ging einen ziemlich holprigen Felsweg lang und endlich kam das Ben Nevis Inn in Sicht. Auf den Stufenweg hatten mich übrigens die beiden Männer überholt, die kurz vor mir vom Ben Nevis Inn aufgebrochen waren. Sie hatten also genauso lang gebraucht wie ich. Während sie Kurs auf das Inn nahmen, musste ich noch die zweite und letzte Schaftstreppe überwinden. Aber eine Stufe auf beiden Seiten sparte ich mir. Wenn man das Bein hoch genug schwang, konnte man schon von der ersten Stufe, die andere Seite erreichen. Das ging viel leichter als die Stufen hochzusteigen.

Auf dem kurzen Weg den Bach entlang, konnte ich schon mein Auto erblicken, da wurde das Tempo noch mal kurz angezogen. Ab über die Brücke, kurzen Blick auf den Wetterbericht für die nächsten beiden Tage, der verhiess nichts Gutes, oder genau das, es war gut heute den Gipfel zu ersteigen. Und dann war ich endlich wieder am Auto, mittlerweile 18Uhr 15. Will heissen ich war 9,5 Stunden unterwegs, habe aber nur 4 Stunden für den Rückweg gebraucht, auch wenn ich da meist sehr langsam, weil vorsichtig gelaufen und gestiegen bin. Stöcke in den Kofferraum, was zu Trinken geschnappt, Rucksack auf dem Beifahrersitz und dann im Fahrersitz Platz nehmen. Der eine Fuss hang noch draussen. Während der Durst gelöscht wurde, kam der Schmerz schlagartig. Meine Füsse puckerten, die Beine ebenso und die Schultern liessen auch verlauten, das Wandern mit Stöcken eine ungewohnte Anstrengung war. Dann wollte der Fahrer des benachbarten Autos einsteigen. Was wegen anderen Anordnung der Lenkräder bedeutete, das ich mein Fuss einziehen musste, um meine Tür zu schliessen. No Way. Streik. Der Fahrer lachte nur "Death legs". Aber wozu hat man Hände, da wird der Fuss heben reingehoben.

Trotz Müdigkeit, knurrendem Magen (ausser 4 Toffees gab es nichts seit dem Frühstück) und schmerzenden Füssen gings auf nach Fort William und das auch auf der richtigen Seite. Während der Fahrt nahm der Schmerz in den Füssen immer weiter zu, aber die Beine waren wunderbar leicht. Die paar Schritte vom Parkplatz zur Tür gingen nur ganz vorsichtig. Und dann kam noch die Treppe. Eigentlich wollte ich noch einkaufen, aber das wird wohl in dem Zustand nichts. Schuhe aus, Socken aus und dann erstmal aufs Bett fallen. Die Entlastung der Füsse führte leider nur dazu, das sie noch mehr weh taten, jetzt wo das Blut ungehindert strömen konnte.

Eines ist sicher, noch mal mach ich so was nicht. Und morgen ist nur leichtes Programm angesagt. Blasen hab ich mir keine gelaufen, trotz neuer kaum eingelaufener Schuhe. Dafür werde ich morgen höchstwahrscheinlich einen Muskelkater vom feinsten haben.

Die Aussicht auf den Loch Linnhe, die Highlands, das Spiel mit Licht und Schatten durch die verschieden angeordneten Wolken und zu wissen, das man es geschafft hat, war die Strapaze allerdings wert.