Tag 11:Ben Nevis, die Zweite

 

Ich bin ein Opfer des britischen Fernsehen geworden. Heute lief das erste Halbfinale von Britain´s Got Talent. Und ich habe es mir angesehn, freiwillig. Das hat man nun davon, wenn man abends bei der Schwester mit Fernsehen guggen muss und in River Lodge House nur 3 Fernsehsender reinkommen und einer überträgt die Sendung live. Ob die nach Paul Potts das nächste hässliche Entlein zum Schwan werden lassen?

Morgen kommt das zweite Halbfinale. Mal sehen wie kaputt ich dann sein werde. Momentan tun mir meine Füsse tierisch weh. Gut 6 Stunden Wanderung mussten sie aushalten. Der Wetterbericht gestern war einfach zu gut. Zumindest der von gestern morgen. Der von gestern abend sah auch nicht so schlecht aus. Das Wetter heute morgen war bewölkt und im Visitorcenter konnte man was von erwarteten Regen lesen. Dennoch habe ich es versucht, nochmal hoch auf den Ben Nevis, statt nach Glen Coe zu fahren. Wie vorher geplant am Youth Hostel an der Strasse geparkt und den Hang hoch.

Der Hang ist genauso steil wie er gestern vom West Highland Way aus aussah. Ziemlich schnell war ich am Schnaufen. Aber nicht nur ich. Ich holte an der ersten Biege eine Gruppe ein, die sich schon in mehrere Grüppchen aufgeteilt hatte. Abhängig davon wie fit die einzelnen Leute waren.

Das war ein angenehmes Tempo also schloss ich mich ihnen an. Die ersten Verluste gab es für die Gruppe schon vor der Kreuzung mit dem Weg vom Visitor Center. Die langsamste aus der Gruppe hatte aufgegeben und das Tempo zog demzufolge an. Einer Gruppe Jugendlicher zu folgen fühlte ich mich nicht im Stande. Vorallem wenn schon am Anfang keine Kraft in den Beinen zu sein scheint. Das kann ja lustig werden.

Aber die nächste Wandergruppe nahte schon. Eine Gruppe Moslems, die den Berg hochpilgerte. Ich schloss mich ihnen an und lief mit deren Frauen/Mädchen mit. Die wussten nicht was sie erwartete. Ein Teil der Gruppe war bald vorne weg gelaufen, während ich bei einem Mädchen blieb, was alles andere als geeignet für den Berg gekleidet war. Stoffschuhe, normale Stoffhose, T-Shirt mit Sweatshirt drüber und eine dünne Jacke. Und Kopftuch. Dieses war wirklich sinnvoll, wenn auch religionsbedingt. Nicht zu vergessen das kleine Handtäschchen worin die Verpflegung (Chips) untergebracht waren.

Sie schlug ein sehr langsames Tempo an bzw. machte oft Pausen. So kam ich erst garnicht ausser Atem. Merkte dafür aber umso deutlicher, wie müde die Beine sind.

Als ich losgelaufen bin, hatte ich nur eine dicke Leggins an, ein langes Hemd und die dünne Wetterjacke. Überhose und ein T-Shirt waren im Rucksack verstaut und die dicke Jacke aussem am Rucksack verknotet.

Als es auf das Ende des Stufenweges zuging, war der Wind mittlerweile so kalt geworden, das ich alles angezogen habe. Das Mädel wurde immer langsamer und leicht nölig. Aber der religiöse Leiter der Gruppe munterte sie auf. Er war Mitte 60, mit traditionellen, langem weissen und dünnen Mantel bekleidet, allerdings festes Schuhwerk und war auf einem Auge blind.

Das kurze ebene Stück über die Hochebene war kaum eine Erholung, weil das Mädel ständig langsamer wurde. Der Rest ihrer Gruppe war weit voraus. Auf den ersten Metern des Ben Nevis erwies sich deutlich, das ihre Schuhe ungeeignet waren. Eine Baustelle auf dem Weg zwang die Wanderer einen Weg durch die Wiese oberhalb zu suchen. Es war nass und matschig. Nach der Umleitung kreuzten immer mehr kleine Bäche den Weg bzw. war der Weg der Bachlauf. Eine Folge der Schneeschmelze und der Witterung, die deutlich nasser wurde. Und schliesslich der Wasserfall den man überqueren muss. Patsch, patsch. Ihre beiden Füsse waren bis zum Knöchel im Wasser. Dabei hätte sie mir nur folgen müssen, zwei Meter weiter oben konnte man von einem Felsen zum nächsten und den Wasserfall fast trockenen Fusses überwinden. Ab hier an war der Iman (oder wie immer man den Mann nennt) an unserer Seite bzw. an ihrer Seite, während ich immer mehr Abstand nach vorn gewann. Der Wind und der Regen hatten zugenommen. Machte man zuviele Pausen wurde es einem nur kalt.

Am ersten Turn blies der Wind einem eisig entgegen und peitschte den Regen ins Gesicht. Die Hände wurden gefühllos. Ich hatte die Handschuhe vergessen. Ich hatte sie erst garnicht mit in den Urlaub genommen.

Zum Turn 2 hin wurde es immer rutschiger. Der Weg war neu mit Felsen aufgeschüttet, die noch relativ lose lagen und noch keinen festen Pfad erkennen liessen. Jeder suchte sich den besten Weg. Turn 2 ist steil und rutschig. Eine Mischung aus Aufschüttung und altem Weg. Das machte es nicht leichter die Kurve heil hinter sich zu bringen. Auf den Weg zu Turn 3 entschloss sich das Mädel umzukehren und mit zwei anderen zum Parkplatz zurückzukehren.

Und ich war allein. Ich konnte den anderen nicht mehr folgen, die Beine machten das Tempo nicht mehr mit. Turn 4 schaffte ich noch. Aber als ich jemanden fragte der vom Gipfel zurückkam, wie lange noch und die Antwort eine Stunde oder eineinhalb, da war Schluss und ich kehrte um.

Der Wind kam mittlerweile in Sturmböen an. Die andern Berge sah man in den Wolken schon lange nicht mehr. Der Regen hatte mittlerweile meine Hose vollkommen durchnässt, sowie die Ärmel der Jacke. So kraftlos wie ich mich füllte, würde der Abstieg auch bei trockenen Wetter eine Herausforderung sein.

Er zog sich hin der Abstieg. Die Wassertropfen auf der Brille erschwerten die Sicht und der Wind blies immer kälter und der Regen schien zwischenzeitlich zuzunehmen.

Nach dem es erst Stunden nur bergauf geht, ist es für die Muskeln/Bänder/Sehnen erstmal ungewohnt, das es jetzt bergab geht. Vorallem braucht man ganz andere Muskeln/Bänder/Sehnen.

Ohne grosse Rutschereien und ein wenig schneller als gedacht erreichte ich den Wasserfall. Die Baustelle dahinter war mittlerweile gewandert und man musste sich einen neuen Weg über die Wiese suchen. Leider gab es keinen Trampelpfad, den unzählige Füsse im Massenandrang am Morgen geschaffen hatten.

Das schlimmste Stück Weg kam erst noch und weder Wind noch Regen liessen nach. Obwohl es mittlerweile auf ca. 600m runtergegangen war. Regentropfen auf der Brille erschwerten die Sicht und es hiess langsamer gehen, um Fehltritte zu vermeiden.

Die Knie machten gut mit, der Rücken auch. Aber das Handgelenk schmerzte, aber es musste halten. Ich war auf die Stöcke angewiesen. Freihändig wollte ich den Weg nicht runterbalancieren. Auf nassen Steinen, immer noch aufkommenden starken Böen, Wasser auf der Brille und mittlerweile richtig wackligen Beinen brachte ich nicht die Trittsicherheit auf, um auf die Stöcke zu verzichten.

Wenn sich der Stufenweg schon auf dem Hinweg hinzog, so wurde es auf dem Rückweg nur noch schlimmer. Erst recht, da ich jetzt allein unterwegs war. Und dann war da auch noch das Wasser in den Schuhen. Das lag aber nicht daran, das die Schuhe undicht waren. Nein, das Wasser lief die Hose runter und wurde von den flauschigen Wollsocken aufgesaugt und sammelt sich am tiefsten Punkt. Den Schuhsohlen. Zumindest war mir nicht kalt. Ich war nur klitschnass.

Wind und Regen hatten zwar nachgelassen, sobald man den Ben Nevis im Rücken hatte. Aber erst auf Höhe des Abzweiges zum Youth Hostel hörte beides auf. Der letzte Kilometer war nichtdestotrotz gefährlich. Die Steine bildeten keine richtigen Stufen mehr. Die Füsse mussten parallel und im mindestens 45Grad Winkel zur Laufrichtung aufgesetzt werden. Wenn nicht verlor man ganz schnell die Haftung. Zudem war noch Gras zwischen den Steinen, was die Angelegenheit noch schlüpfriger machte.

Schliesslich erreichte ich mein Auto wieder, aber mit den nassen Klamotten wird nicht gefahren. Die Tropfnasse Jacke kam gleich in den Kofferraum, aus diesem wiederum wurde eine trockene Jeans und Pullover geholt. Vorteil eines Linkslenkers, der am Strassenrand parkt, an einem bewaldeten Flussufer: man hat Deckung und kann sich umziehen ohne sich verrenken zu müssen und/oder den Fahrersitz mit nassen Klamotten vollzusauen.

Um das Auto wenden zu können, musste ich erstmal nen paar Meter fahren und konnte dabei den Rettungshubschrauber bei der Landung und Übergabe eines Patienten an die Ambulanz beobachten. Warum die Luftrettung, das 3 Meilen ausserhalb der Stadt auf einem Acker macht ist mir unklar. Das ist doch ein riesiger Zeitverlust im Notfall. Es war definitiv der normale Landeplatz. Zum dritten Mal am Tage habe ich den Helikopter da landen sehen bzw. zweimal und die Ambulanz stand da und einmal habe ich nur den Landeanflug gesehn.

Zurück in Spean Bridge habe ich dann Colin meine nassen Klamotten übergeben zum Trocknen. Den Service bieten Sie von sich aus an, zudem habe ich im Zimmer keine Gelegenheit Sachen aufzuhängen. Sollte es morgen wieder so mieses Wetter geben habe ich immer noch die zweite Garnitur.

Die Wanderstiefel sind so durchweicht, ich bezweifle das die bis morgen trocken sind. Obwohl ich Papier reingestopft habe. Die Schuhe, die mir jetzt noch zur Verfügung stehen, sind die Schuhe mit denen ich mich so böse hingepackt habe, weil sie im entscheidenden Moment keine Haftung mehr hatten. Selbst gestern in der Bar, als ich essen war, bin ich fast auf den feuchten Steinfussboden hingefallen. Die Schuhe sind für Wanderungen abseits von ausgebauten Wegen einfach nicht geeignet. Falls es morgen also nach Glen Coe geht, dann nicht ins Lost Valley.

Oder ich cruise rum. Mein Auto hat sich nämlich selbst repariert oder das Schrägstehen neben der Strasse hat geholfen. Jedenfalls war die Lampe nach dem Anlassen nicht an. War sie beim Anlassen an? Nicht das die Anzeige defekt ist.

Und am Abend nach Glen Coe oder wo immer es mich hinführt, wird das zweite Halbfinale geschaut.