11. Juni - Flucht nach Canna

Heute soll es ein Leisure-Day werden. Also ausschlafen, so kurz vor der Sommersonnenwende bedeutet das dann aber doch das es mich um halb 7 aus dem Zelt treibt. Mein Handy was mir als Wecker und als Ersatzuhr dient hat aufgrund der fortwährenden Signalsuche nur noch einen Strich über. Dabei ist es nur nachts an, sonst brauch ich keinen Wecker. Weil es so früh hell wird (wenn es denn überhaupt richtig dunkel werden würde) ist ein Wecker eigentlich überflüssig.

Die Nacht über herrschte wohl anhaltender Nieselregen. Es reichte aus um für Pfützen auf dem Groundsheet zu sorgen, ich war beim Aufbau wohl nicht aufmerksam genug und die Folie stand an einigen Stellen über, so konnte das Wasser rauftropfen und sich in kleinen Kuhlen sammelt. Ergebnis ist eine nasse Regenhose und auch die Gamaschen sind gut feucht.

Warum tut mir eigentlich morgens der Knöchel weh? Ich habe die ganze Nacht doch gelegen. Und zumindest gestern bin ich kein einziges Mal umgeknickt. Dei Hüftschmerzen sind ins Kreuz gewandert und hielten fast die ganze Nacht an. Das Umdrehen auf der grad mal 60cm breiten Matratze und im Schlafsack war damit auch alles andere als angenehm.

Wie soll ich jetzt nur aus dem Zelt kommen? Irgendwie auf alle viere, dann rauskrabbeln und dann zusehen das man auf die Hinterbeine kommt. Ih, und das auf dem nassen Heu. Na zum Glück ist es noch früh am Morgen so sieht mich wenigstens keiner bei den Bemühungen in die Senkrechte zu kommen.

Da die Toilette um die 200m die "Hauptstrasse" lang ist, kommt man schonmal zu etwas Bewegung, kann den Kreislauf in Schwung bringen und die Knochen sortieren. Auf dem Rückweg gleich weiterlaufen zur Villagehall und im Buch weiterlesen.

Als ich gegen 8Uhr zum Zeltplatz zurückkomme sind auch die anderen wach und an den Frühstücksvorbereitungen. Alles sehr Ceralienlastig, aber ausser mir nur noch ein weiterer Porrigdeesser. Ich sollte die Abpackungen für das Porridge beim nächsten Mal korrigieren. Zum wiederholten Male muss ich kapitulieren, aber wohin entsorgen? Heute werd ich mir das Zeug bestimmt nicht runterquälen, dafür besteht keine Notwendigkeit. Es steht keine Wanderung und damit erhöhter Energiebedarf auf den Plan.
Mit dem Meer nur wenige Meter weiter bietet sich eine Waschmöglichkeit, und weil wieder Ebbe ist, kann ich auch bequem im Sand hocken während des Abwasches und muss nicht auf den Steinen balancieren.

Während des Frühstücks haben wir nicht nur Gesellschaft durch einen kleinen vorwitzigen Robin (so nennt man die Rotkehlchen), der schon gestern regelmässig zum Unterstand kam um zu schauen ob es für ihn was gibt, sondern auch die Midges sind da. Verfluchte Biester. Am frühen Morgen konnte ich eine dichte, grosse Wolke über den Kopfteil vom Biwakzelt beobachten. Sie werden vom Kohlendioxid im Atem angezogen.

Die Paddler wollen heute zu ihrem Ausgangspunkt zurück, das heisst Überfahrt nach Skye zum Glen Brittle, da parken ihre beiden Autos bei der Hütte der Mountain-Rescue.

Der Regen hat mittlerweile aufgehört und es beginnt der grosse Zeltabbau. Da es den Unterstand gibt, kann man sich schön ausmehren und die Sachen nochmal sortieren. Wenn man sich aber so ausbreiten kann, dann ist mit Verlusten zu rechnen. Ich lauf insgesamt dreimal vom Zeltplatz zum Fähranleger wo ich meine Sachen im Warteraum deponiere. Beim ersten Mal vergess ich das Groundsheet und beim zweiten Mal meine Schuhe.

Da es bis zur Fähre doch ein wenig weiter ist und ich auch nochmal zur Village Hall laufe kommen doch ein paar Kilometer zusammen. Allein Zeltplatz zum Anleger sind es schon ein Kilometer.

Nach einem letzten Kontrollblick auf dem Zeltplatz ob ich auch wirklich nichts liegengelassen habe, gehts ein letztes Mal zum Fähranleger wo ich es mir auf der Mauer gemütlich mache und in der mittlerweile sanft scheinende Sonne mir ein Nickerchen gönne. Ist nicht mehr lang bis die Fähre eintreffen soll. Das "Hafen"personal ist schon auf der Pier.

Die Fähre hört man schon vom weitem, quasi in dem Moment wo ihr Kurs sie in Sicht bringt und sie um die Ecke kommt aus Richtung Eigg kommend.
Die Fähre ist kein RoRo-Schiff, deswegen erfolgt in unmittelbarer Nähe zum Anleger noch ein Wendemanöver so das die Rampe vom Schiff auf die Rampe der Pier runtergelassen werden kann.

Am Ufer versammeln sich mittlerweile auch einige Autos, Taxen für die neuen Gäste und Vans die als Lieferwagen genutzt werden. Als die Rampe runtergelassen ist, zeigt sich, das man vernünftiges Schuhwerk haben sollte. Wer einen zu kurzen Schritt macht, kann ins Wasser treten. Denn auch die Passagiere verlassen das Schiff über die Rampe.

Bei den Passagieren handelt es sich um Tagesausflügler (die Fähre fährt nach Canna und auf dem Rückweg legt sie wieder auf Rum an, die Zeit reicht für eine Besichtigung von Kinloch Castle), um neue Gäste fürs Hostel und Self-Catering (erkennbar an den Kisten mit Lebensmitteln und Supermarkttüten) und um Einheimische, die von einem Wochenende auf dem Festland zurückkommen bzw. Verwandte von diesen, die werden mit grossen Hallo begrüsst.


Auch ein paar Autos kommen auf die Insel, vorallem Handwerker.

Ich bin der einzige neue Passagier, bei Betreten des Schiffes bekomm ich eine Boarding Card und die Anweisung mir oben ein Ticket aus dem Automaten zu ziehen. Meine Sache kann ich auf der nicht ganz einstündigen Überfahrt auf einem Podest abstellen. Der Rucksack ist somit nicht in Gefahr in einer Pfütze zu stehen. Wow, da hat jemand echt an Fusspassagiere gedacht. Das Podest ist nicht gerade klein, da können einige Leute ihr Gepäck sicher abstellen.

Nach etwas rumirren im Speiseraum find ich den Ticketautomaten. Der nimmt leider nur passendes Geld. Nach vorheriger Erkundigungsmail weiss ich, das das Ticket 6,50Pfund kostet, ich habe aber nur Geldscheine dabei. So muss ich warten bis die Fähre wieder abgelegt hat. Dann öffnet die Cafeteria wieder und ich kann das Geld kleinwechseln. Ein paar kleine Tütchen Salz nimm ich auch mit, die Nudeln schmeckten etwas fad, ich brauch was zum Nachwürzen.

Ticket besorgt, ab aufs Deck. Nur wenige Passagiere sind auf dem Schiff. Die meisten dürften wohl die Tageskreuzfahrt von Mallaig zu den Small Isles machen. Je nach Wochentag werden alle 4 Small Isles (Muck, Eigg, Rum und Canna) angefahren bevor es nach Mallaig zurückgeht.

Zweimal sehen wir Delphine, aber leider etwas weiter weg und nicht in unmittelbarer Nähe der Fähre. Da ist das Schiffswrack vom französischen Trawler fast dichter dran. So aus der Ferne kommt es mir so vor, als ob es anders liegt als im letzten Juni.

Bei Ankunft in Canna bin ich der einzige Passagier, der die Fähre verlässt. Ein Auto fährt zwar auch kurz vom Schiff, lädt aber nur was auf und ist dann gleich wieder auf dem Schiff. Als ich die Rampe entlanglaufe muss ich noch mein Ticket vorweisen. Auch am Slipway von Canna ist das Ende der Schiffsrampe nicht komplett im Trockenen und ein paar kleine Wellen lecken drunter hervor.

Während ich noch die Hafenrampe hochlaufe werde ich schon gefragt ob ich zum Zeltplatz möchte und als ich bejahe ob ich dorthin gefahren werden möchte. Da ich keine Ahnung habe wo der Zeltplatz ist (ich wusste nichtmal das Canna sowas wie einen richtigen Zeltplatz hatte), sag ich natürlich nicht nein zum Taxiservice. Ich sollte dann mal neben dem Auto warten.

Ich steh keine 10Sekunden am Auto, da werd ich von einer Frau gefragt ob ich zum Zeltplatz gebracht werden möchte und ich solle meine Sachen schonmal ins Auto stellen. Sprachs und lief weiter. Welches Auto? Da stehen zwei rum. Da kommt nochmal der Mann der mich zuerst gefragt hatte und öffnet die Heckklappe von einem der Autos und stellt meine Sachen rein. Es dauert noch einen Moment, ich soll mich aber schonmal ins Auto setzen. Also Beifahrertür auf und der Hund der auf dem Beifahrersitz sitzt wird zur Seite gebeten und ich darum einzusteigen.

Während der Wartezeit und keiner Ahnung wohin die Fahrt gehen wird, wird der Hund ausgiebig gekrault, auch wenn das bedeutet das einiges an Haare durchs Auto schwebt. Aber er mag es und dreht den Kopf so, das ich die richtigen Stellen erreiche.


Schliesslich steigt die Frau ins Auto. Sie ist die Postbotin der Insel. Der Hund steigt aber nicht nach hinten in den Laderaum, sondern setzt sich auf die Mittelkonsole und balanciert da bzw. Ein Bein und ein Teil des Hinterlaufs auf meinen Bein.
Der Hund ist ein Bordercollie, ein alter Schäferhund in Rente.

Der Zeltplatz stellt sich als die Stelle raus, deren genaue Position ich erfragen wollte, weil sie mir empfohlen wurden war. Es ist ein kleiner Hügel in der Nähe des Castles und alten Gefängnisses, kurz davor ist ein altes Gebäude an dessen Hauswand ein Frischwasseranschluss verlegt ist.

Ein nettes Plätzchen und fast ideal. Leider ist der Boden sehr fest, weil trocken und auch noch von Steinen durchsetzt. Manche sichtbar, andere find ich erst als ich die Zeltheringe in den Boden hämmere. Die Aussicht ist aber klasse. Weil es hier oben immer eine leichte Brise gibt, gibt es keine Midges.

Ich bin mit dem Zelt fertig und geniess die Aussicht am Rand der Klippen sitze, da hör ich einen Bootsmotor. Das Geräusch kenn ich bzw. ich kenn das Boot was dazugehört und einige Augenblicke bestätigt sich dies, als ein kleines oranges Boot um die Klippen geschossen kommt.

Ich lauf den Feldweg runter, biege nach links zum Pier ab und komm an der Rampe an, in dem Moment wo die "Patricia Anne" anlegt. Mit einem grinsenden "oh no" werd ich von Gavin begrüsst. Ja, sorry. Ich bin mindestens zwei Tage früher auf Canna eingetroffen als ich geplant hatte. Da will ich nach Möglichkeit auch wieder früher nach Skye zurück. Warum sich ein Telefon suchen, wenn bis zu zweimal an Tag das Taxi anlegt?

So deponier ich den Wunsch nach einer Überfahrt vor Freitag bei Gavin und wir plaudern auch so noch ein wenig weiter. So erfahr ich, das Alex wohl zum Ende der Saison Bella Jane Boat Trips verlassen und aus Jobgründen zur Ostküste ziehen wird. Skye ist kein einfaches Pflaster, wenn ein Ehepaar nach Arbeit sucht. Seine Frau hat einen Job in Inverness und im Tourismusgeschäft wie es Ausflugsunternehmen nunmal sind, ist dann auch nichts mit Wochenendbeziehung, weil es kein wirkliches Wochenende gibt.

Darüber kommen wir auch auf das kleinere RIB zu sprechen, was meist von Alex gefahren wird. Gavin mag es nicht, zu unkomfortabel für den Fahrer, der kaum windgeschützt steht, im Gegensatz zu dem höheren Aufbau der Patricia Anne. Ich kann mir aber nicht den Seitenhieb zur Tour im letzten Jahr verkneifen, als Gavin das erste Mal die Patricia Anne mit den neuen Motoren fuhr. Zweimal 300PS statt nur zweimal 250PS, was ordentlich Tempo macht und Gavin erstmal erschreckt hat. Interessant dann zu hören, das das kleinere RIB noch dieses Jahr, die alten Motoren bekommen soll. Bedeutet das doch, das die 150PS Motoren durch 250PS Motoren ersetzt werden. Was muss das erst für einen Unterschied machen.

Ich überlass Gavin seinem Lunch und lauf Richtung Sanday los. Canna ist nicht nur zur Erholung gedacht, sondern ein Geocache ist auch noch zu suchen. Wieder heisst es ein paar Informationen zu finden, bevor man die Koordinaten ausrechnen kann. Dadurch find ich auch die Post auf Canna.

Sobald ich die Brücke nach Sanday überquert habe, wird die Strasse bald sehr uneben und ist nur noch was für geländefähige Fahrzeuge. Während Flut steht die Strasse sogar unter Wasser, zum Glück ist gerade Ebbe und meine Füsse bleiben trocken. Ich lauf zur alten Kirche, die auf der anderen Seite des natürlichen Hafens ist. Keine 400m Luftlinie, aber ohne Boot sind es über 3km zu laufen (ein Weg), weil man einmal um die Bucht rum muss.


Die alte Kirche kann man nur von draussen anschauen, wegen Einsturzgefahr ist vom Betreten abzuraten, ausserdem hängt ein Schloss an der Tür.

Wie wenig Wind eigentlich herrscht, merk ich als ich wieder die Motoren vom RIB höre, das mittlerweile bei den Vogelkolonien von Sanday sein muss. Ich seh (und hör) es erst wieder als es Richtung Rum, Guirdil Bay und Schiffswrack fährt.

Ich dagegen lauf zurück und zum Strand der sich unterhalb vom Zeltplatz befindet und von dort an der Schlossruine vorbei (auch hier ist vom Betreten abzuraten, weil die Böschung und das Gemäuser lose sind. Steil ist es ausserdem). Den Strand entlang und immer näher zu den Koordinaten des Geocaches. Der Strand ist ein steiniger Strand, der oben in einem steilen Grashang endet. Doch genau diesen muss ich hoch. Da ich kein Kaninchen bin und nicht über entsprechende Traktion eines Vierfüsslers komm ich mehrfach ins Rutschen. Belohnt werd ich mit dem Fund der Plastikbox, aber noch wichtiger mit einer Wahnsinnsaussicht.

Ein über 200Grad Panorama und eine ruhige See, ein schwaches aber warmes Lüftchen. Zu meiner Linken Skye, ich kann dank der Black Cuillins Glenbrittle ausmachen und auf der anderen Seite .... Elgol. Wahnsinn. Wer hätte das gedacht. Ich weiss, das man Canna von Elgol aus sieht. Aber das man die Häuser von Elgol als weisse Punkte an einem Hang ausmachen kann ist unerwartet. Auch Sleat ist noch in Sicht, vor mir Rum, wo ich das Schriffswrack ausmachen kann, aber auch Glen Guirdil (dem Grund wieso ich heute schon hier sitze). Und rechts am Horizont, kann das wirklich Coll und Tiree sein? Oder gar Mull? Was anderes kommt in der Blickachse nicht.

 


Ein idealer Abend um hier oben zu sitzen. Doch irgendwann wird es doch ein wenig frisch und Zeit zurückzugehen. Diesmal aber an der Funkstation vorbei und über die leere Weide. Auf der Nachbarweide wird das Vieh unruhig und der Bulle ruft seine Mädels zusammen. Es kommt zu heftigen Rangeleien unter diesen. Mehrere Tiere schieben sich, Köpfe gegeneinander, durch die Gegend.

Sollen sie, Hauptsache sie bleiben auf ihrer Weide und brechen nicht aus.
Die Kühe kabbeln sich, ich köchel mein Essen im Zelt zusammen. Es ist etwas Wind aufgekommen, da ist es besser drinnen zu kochen, das spart Gas. Anschliessend mach ich es mir beim Essen richtig bequem und futter meine Nudeln im Liegen aus dem Berghafel. Schön auf Matratze und ausgestopften Packsack vom Schlafsack gebettet. Für den besseren Geschmack kipp ich noch das Salz von der Fähre hinterher.

Ob ich auf ein Dessert noch zum Tearoom, der abends das Inselrestaurant ist, gehe? Den Weg runter muss ich so oder so. Ich hoff darauf das der Warteraum am Pier Tag und Nacht offen ist und damit auch die Toilette zugänglich. Erstmal links zum Pier abbiegen, ja Warteraum ist offen und hat auch kein Schloss.

Auf den Rückweg nicht gleich rechts hoch zum Zeltplatz, sondern auf einen Nachtisch ins Restaurant. Klein, aber fein.

Im heutigen Angebot ist Lobster, frisch aus der Bucht. Ich habe am Nachmittag nochgesehen, wie er reingetragen wurden. Die Viecher sehen richtig gut aus. Da könnte man glatt vergessen, das man kein Seafood isst und in Versuchung kommen.

Ich entscheide mich allerdings für Eis an Rocky Roads. Der Name war noch viel länger, aber es war eben nur zwei Kugeln Sahneeis an ein paar Stücken Rocky Roads (schottische Version von kalter Hund, nur noch mit viel mehr Kalorien) und mit Schokoladensosse. Ich hätte den Kuchen nehmen sollen. Die Marshmellows in den Rocky Roads oder die Schokoladensosse hinterliessen einen chemischen Geschmack auf der Zunge. Die 5,50Pfund war das Dessert nicht wert. Das Eis an sich war lecker, aber der Rest eben nicht.

Als ich den Weg zum Zelt hochlaufe, zähle ich 12 Segelboote, die im natürlichen Hafen von Canna vor Anker gegangen sind und dort Schutz vor den aufkommenden Wind suchen. Die Nacht wird wohl ein wenig stürmisch werden, zumal ich auf einen eher exponierten Flecken campe.